Ausstellung

ganznah. Landläufige Geschichten vom Berühren

„ganznah“ ist nach „Sein & Mein“ die zweite Ausstellung im Format SICHTEN. Dieses Ausstellungsformat, das mit Wiedereröffnung des Hauses im Jahr 2013 startete, hat Vorarlberg als Rahmen und Bezugsraum. Ziel ist es, einen anderen Blick auf das Land zu werfen, unerwartete Geschichten zu Tage zu befördern und Potentiale (Sammlungs-, Erzähl- und Erinnerungsressourcen) offen zu legen. 2016 steht das Thema „Berührung“ dabei im Fokus des Interesses.

 

Ein Trapezkünstler aus Feldkirch, der im weltberühmten Zirkus Sarrasani auftrat; eine Krankenschwester, die Geräte rundum die Pflege sammelt; ein Imam, der rituelle Totenwaschungen vornimmt; eine Tänzerin, die eine stolze Tradition aufgreift und dann doch ganz eigene Wege geht. Diese weit voneinander entfernten Lebenswelten sind sich in einem ganz nah: Berührung verbindet sie.
Erzähl- und Erinnerungsfragmente entfalten ein Panorama der Berührungskulturen. Berührung kann grenzüberschreitend sein und provozierend, kann Bedrohung oder Lustgewinn bedeuten, Urvertrauen schenken und Profession sein. ganznah – eine Grammatik des Berührens zwischen Bedürfnis, Tabu und Verweigerung.

 

Visuelle „Berührungstagebücher“ bieten einen leichtfüßigen Einstieg in die Ausstellung. Dabei handelt es sich um Fotografien von dem, was Vorarlberger im Laufe eines Tages berührt haben. Diese Tagebücher werden während der gesamten Laufzeit stetig erweitert. Erstmals öffentlich zu sehen ist das von Karl Zauser entwickelte Doppelreck. Mit dem Feldkircher Artisten wird Halt finden und Halt verlieren thematisiert. Er war Flieger und Fänger am Trapez. Fand hier Berührung nicht statt, konnte das tödlich enden.
Dinge, die unserem Körper ganz nah sind und zu seinem Wohlbefinden beitragen, stehen in einer Zusammenschau unterschiedlicher Privatsammlungen einander gegenüber. Gezeigt werden zudem verschiedenste Objekte, die Teil von Berührungsritualen sind: Von den Taufhäubchen über die Schäppel unverheirateter Frauen bis zu Ölfässchen, in denen das Chrisam für die letzte Ölung aufbewahrt wird.
Die Videoperformance „folta“ der Tänzerin Veronika Larsen mit dem Musiker Philipp Lingg bildet den visuell-akustischen Rahmen des Ausstellungsbereichs „Heidenspaß und Höllentanz.“ Im Tanz kommen sich die Menschen nahe. Einer jener Orte, an denen ausgiebig getanzt und gefeiert wurde, war der Gasthof Sonne, der in den späten 1950er Jahren Mellau den Beinamen „sündiges Dorf“ einbrachte.
Bilder aus Beständen des Museums und eigens für die Ausstellung entstandene Arbeiten, etwa von Dietmar Walser und Petra Rainer, werden verwoben mit Erfahrungstexten Jugendlicher, die in Workshops mit der Autorin Daniela Egger entstanden sind. Neben einer Videoarbeit von Hans-Joachim Gögl und Mark Riklin, in der Paare von ihren Liebesanfängen berichten, erzählt eine Audioinstallation von der Sehnsucht nach Nähe.
Ein Aufruf in Kooperation mit dem Bregenzerwald Archiv ermöglichte das Zeigen einer Vielzahl an Liebesbriefen aus beinahe zwei Jahrhunderten. Daraus formte der Sound-Künstler Nik Hummer zusammen mit den jungen Schauspielern Michaela Bilgeri und Stefan Pohl ein intimes akustisches Bekenntnis zwischen Sehn- und Eifersucht, einsamem Schmerz und dem Bedürfnis nach Berührung. Den Abschluss der Ausstellung bilden Videointerviews mit Professionistinnen und Professionisten der Berührung. Eine Krankenschwester, ein Imam, eine Kickbox-Weltmeisterin, eine Sexualbegleiterin, ein Tanzlehrer, eine Körpertherapeutin, ein Tätowierer, eine Psychotherapeutin und eine „Strömerin“ sprechen über ihre Erfahrungen und die spezielle Bedeutung, die Berührungen in ihrer Arbeit haben.

 

Projektleitung: Theresia Anwander

Kuratorische Leitung: Robert Gander

Kurator: Bruno Winkler

Gestaltung: Julia Landsiedl

Aufruf

KUSCHELTIER IN RESIDENCE
Wir suchen Ihr Kuscheltier

Es spendet Trost. Es hilft beim Einschlafen.
Und auch wenn es schon abgenutzt ist, drücken wir es an uns.
Es war als Kind unser liebster Gefährte.
Und bleibt es manchmal ein Leben lang.

Für die Ausstellung „ganznah. Landläufige Geschichten vom Berühren“ sind wir auf der Suche nach Ihrem Kuscheltier und der „Beziehungsgeschichte“ zwischen Ihnen beiden. Bringen Sie uns Ihren Gefährten – oder ist es eine Gefährtin? – vorbei und erzählen Sie uns Ihre Geschichte dazu. Vielleicht wird dann auch Ihr Kuscheltier eine Zeit lang in der Ausstellung zu sehen sein.

 

Kontaktieren Sie uns unter Kuscheltiere@vorarlbergmuseum.at

Aufruf

Tagaus, tagein berühren

Unzählig sind die alltäglichen Berührungen, kaum wahrgenommen und wenig reflektiert. Doch was sagen berührte Dinge über uns aus? Welche unterschiedlichen Berührungsmilieus gibt es? Alle sind aufgerufen, einen Tag lang ihre Hände beim Berühren zu fotografieren. Die vielfältigen Bildtagebücher zeigen, welche „Handkontakte“ den Fotografinnen und Fotografen wichtig sind und was wir davon sehen sollen.

In einer Medieninstallation zu Beginn der Ausstellung wird nach Zufallsprinzip aus den eingesendeten Fotos ein Gesamtbild aufgebaut, welches ständig variiert, die verschiedenen "Berührwelten" einander gegenüberstellt und miteinander vermischt.

Wir freuen uns, wenn Sie dieses Archiv alltäglicher Berührungen mit eigenen Fotografien erweitern. Senden Sie Ihre Fotos an Beruehrungstagebuch@vorarlbergmuseum.at