Baustelle Erinnerung / "Hitler entsorgen"
Arbeiten am belasteten Erbe

Sonderausstellung

Kunst im "Dritten Reich"

„Man kann die Kunst des Dritten Reiches nur durch die Linse von Auschwitz betrachten.“ (Peter Adam, 1992)

Kunst diente dem NS-Regime als Mittel zur ideologischen Formung der „Volksgemein-schaft“. Dabei gab es keinen einheitlichen „NS-Stil“. Entscheidend waren Themen und Deutungen: idealisierte Landschaften, bäuerliches Leben, heroische Körper, soldatische Motive oder scheinbar harmlose Stillleben sollten traditionelle Werte, Heimatverbundenheit und Ordnung vermitteln. 
Kontrolliert und organisiert wurde das Kunstleben von der nach dem „Anschluss“ im März 1938 in Österreich eingeführten deutschen Reichskulturkammer. Kunstschaffende, die keinen „Arier-Nachweis“ erbringen konnten, wurden nicht aufgenommen. Ein Ausschluss bedeutete Berufsverbot – für jüdische Künstler:innen galt dies von vornherein.

Manche Künstler:innen passten sich an, um weiterhin arbeiten und Geld verdienen zu können. Die erste von vielen Ausstellungsmöglichkeiten gab es bereits am 18. Juni 1938, organisiert von Karl Eyth und der von ihm geführten „Vorarlberger Kunstgemeinde“. Darüber hinaus richtete die Bewegung „Kraft durch Freude“ im Industrieland Vorarlberg Betriebsausstellungen in Unternehmen wie F.M. Rhomberg oder Getzner, Mutter & Cie aus. Werke wurden angekauft und unter den Mitarbeitenden verlost. 

Unter den Kunstschaffenden waren aber auch überzeugte Nationalsozialisten mit Funktionen innerhalb des Systems. Exemplarisch stehen dafür Siegfried Fussenegger, der als Leiter des Reichsgaumuseums in Bregenz eng mit dem NS-Kulturbetrieb verbunden war, der Maler Fritz Krcal als NSDAP-Mitglied und Funktionär oder Stephanie Hollenstein, die als überzeugte Nationalsozialistin zugleich stilistisch dem Expressionismus nahestand. 

Dass ideologische Überzeugung nicht vor Repressalien schützt, zeigt die Biografie von Oswald Baer (1906–1941). Er war bereits 1933, als die NSDAP verboten war, Parteimitglied und schuf Bilder mit regimetreuen Motiven. Sein Malstil bewegt sich jedoch zwischen Neuer Sachlichkeit und expressivem Realismus. 1937 wurden deshalb mehrere seiner Arbeiten in Erfurt und Weimar als „entartet“ beschlagnahmt und später in Berlin zerstört.

Die Ausstellung „Baustelle Erinnerung“ endet nicht mit 1945. Sie fragt nach dem Umgang mit diesem belasteten Erbe in der Nachkriegszeit: nach Ehrungen, verschwiegenen Biografien, problematischen Erinnerungsorten wie dem 2025 geschlossenen Natalie-Beer-Museum in Rankweil und der Frage, wie Museen heute mit Kunstwerken und Künstler:innen umgehen, die mit dem Nationalsozialismus verbunden waren. 


Trachten

Welchen Stellenwert hat Kleidung in einem System, das die Vernichtung des menschlichen Selbst zum Ziel hatte?“ (Karolina Sulej, 2025) 

Trachten wurden im Nationalsozialismus gezielt politisch instrumentalisiert. Stoffe, Schnitte und Illustrationen wurden zu Codes der Zugehörigkeit. Kleidung war nicht bloß Ausdruck von Tradition, sondern Teil einer rassenideologischen Ordnung, die definierte, wer dazugehören durfte und wer nicht. Mit der 1939 gegründeten „Mittelstelle Deutsche Tracht“ in Innsbruck wurde die sogenannte Trachtenerneuerung systematisch organisiert. Unter der Leitung von Gertrud Pesendorfer entstanden standardisierte „neue deutsche Bauerntrachten“, auch für Vorarlberg. Mitarbeiterinnen wie Lisl Thurnher-Weiss dokumentierten historische Vorlagen und entwickelten neue Entwürfe. In Nähstuben lernten Frauen das Anfertigen „volksechter“ Kleidung, unterstützt von regionalen Unternehmen wie F. M. Rhomberg. Kunsthandwerkerinnen wie Therese Metzler wurden als Vertreterinnen „deutschen Schaffens“ präsentiert.

Der Vorarlberger Trachtenerneuerer Hans Konzett knüpfte mit seinen Entwürfen der 1950er- und 1960er-Jahre direkt an die Arbeiten der Mittelstelle an. Auch Gertrud Pesendorfer und Lisl Thurnher-Weiss blieben nach dem Krieg einflussreiche Figuren im Trachtenwesen. Dass diese Formen nach 1945 weitergetragen und weiterentwickelt wurden, verweist auf Kontinuitäten, die bis heute in ästhetischen Bildern von „Heimat“ präsent sind.


Südtiroler Siedlungen

„Die Unterwerfung des Menschen unter den NS-Herrschaftsanspruch war gleichbedeutend mit der Unterwerfung des Raums; und dazu leisteten Planen und Bauen ihren eigenen Beitrag.“ (Historikerkommission Planen und Bauen, 2023)

„Baustelle Erinnerung“ beleuchtet die Geschichte der Südtiroler Siedlungen in Vorarlberg – von ihrer Entstehung im Nationalsozialismus bis zu den aktuellen Debatten um Erhalt und Abriss. Ausgangspunkt war die „Option“ von 1939: Im Zuge des Hitler-Mussolini-Abkommens musste sich die deutsch- und ladinischsprachige Bevölkerung Südtirols entscheiden, entweder ins Deutsche Reich umzusiedeln oder im faschistischen Italien unter Preisgabe ihrer Sprache und Kultur zu bleiben. Rund 10.500 Südtiroler:innen kamen zwischen 1939 und 1943 nach Vorarlberg.

Für die Umsiedler:innen entstand unter großem Zeitdruck ein umfangreiches Wohnbauprogramm. Zwischen 1939 und 1942 wurden in Vorarlberg 17 Südtiroler Siedlungen mit mehr als 2.300 Wohnungen errichtet – das erste gemeinnützige Massenwohnbauprojekt des Landes. Die Anlagen entstanden meist in der Nähe großer Industriebetriebe, da die Umsiedler:innen als wichtige Arbeitskräfte für die Kriegswirtschaft galten. Planung und Architektur standen unter nationalsozialistischem Einfluss, verantwortlich waren unter anderem der VOGEWOSI-Architekt Fritz Vogt, der Gau-Siedlungsplaner Helmut Erdle sowie die Landschaftsarchitektin Herta Hammerbacher.

Für das Bauprogramm wurden Grundstücke enteignet oder unter fragwürdigen Bedingungen erworben, beim Bau selbst kamen Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter zum Einsatz. In der Vorarlberger Bevölkerung stießen die privilegierte Behandlung der Umsiedler:innen und die rasche Errichtung neuer Wohnungen vielfach auf Ablehnung.

Heute gelten die Südtiroler Siedlungen als bedeutendes architektur- und sozialgeschichtliches Erbe, prägend für das Ortsbild vieler Gemeinden. Am Beispiel des diskutierten Abrisses in der Bregenzer Rheinstraße stellt die Ausstellung die Frage, wie mit diesem belasteten Erbe künftig umgegangen werden soll. Erinnerung ist nicht nur eine Frage von Texten und Objekten, sondern auch von gebauten Strukturen. Die intensive Arbeit mit regionaler Zeitgeschichte – mit lokalen Quellen, mit Biografien, mit Orten der Gewalt und des Wegsehens – macht deutlich, wie sehr genaues Hinschauen vor Ort Verantwortung erzeugt. Verantwortung, die auch ein Landesmuseum trägt.


Hitler entsorgen. Vom Keller ins Museum

Der Ausstellungsteil „Hitler entsorgen. Vom Keller ins Museum“ widmet sich der Frage, wie heute mit Objekten aus der NS-Zeit umgegangen werden soll. Das Haus der Geschichte Österreich erhielt nach seiner Eröffnung 2018 zahlreiche Anfragen und anonyme Zusendungen. Was tun mit geerbten Orden, NS-Büchern oder Erinnerungsstücken aus der Zeit des Nationalsozialismus? Aufbewahren, verkaufen oder zerstören?

Die als partizipative Wanderausstellung konzipierte Schau bezieht die Besucher:innen aktiv ein. Sie erhalten zu Beginn symbolisch ein NS-Objekt und entscheiden selbst über dessen möglichen Umgang. Dabei wird deutlich, wie ambivalent und emotional das materielle Erbe des Nationalsozialismus bis heute wahrgenommen wird.

Die bisherigen Erfahrungen mit der Ausstellung zeigen ein großes öffentliches Interesse. Während der Präsentation in Wien beteiligten sich mehr als 9.000 Besucher:innen aktiv an dem Format. Überraschend war, dass sich die Mehrheit trotz spürbaren Unbehagens für das Aufbewahren der Objekte aussprach – allerdings verbunden mit dem Wunsch nach kritischer historischer Einordnung in Museen und Bildungseinrichtungen. Die Ausstellung macht damit sichtbar, dass NS-Relikte nicht nur historische Gegenstände sind, sondern bis heute Fragen nach Verantwortung, Erinnerungskultur und gesellschaftlichem Umgang mit der Vergangenheit aufwerfen.