In der Mitte des 19. Jahrhunderts, 1857, wird der Vorarlberger Museumsverein gegründet. Das ist ein zeittypisches Phänomen, denn im 19. Jahrhundert erwacht in weiten Teilen der Bevölkerung das Interesse an der eigenen Kulturgeschichte. Als eine Folge der französischen Revolution werden in Europa private aristokratische Sammlungen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das Sammeln an sich war nicht mehr nur etwas, das von sehr reichen Personen betrieben wurde.
Mittendrin, 1857, beschließt nun der frisch gegründete Vorarlberger Museumsverein, eine landeskundliche Sammlung aufzubauen. Der Verein setzt sich zum Ziel, das antike Bregenz, das römische Brigantium, um zu erforschen und generell Objekte zu sammeln, die für die regionale Geschichte von Bedeutung sind. Die Zeugnisse unserer Kultur für die nachkommenden Generationen geben. Die gesammelten Objekte sollten auf Dauer für alle in Form einer Ausstellung in einem eigenen Museumsgebäude zugänglich sein. Das ist dann auch gelungen. 1905 wurde an dieser Stelle auf dem Kornmarktplatz der erste Museumsbau eröffnet. Der Verein wuchs und hatte sich ein breites Aufgabenspektrum gestellt. So begingen bereits um 1900 aus dem Vorarlberger Museumsverein zwei weitere Institutionen hervor, nämlich das Vorarlberger Landesarchiv und die Vorarlberger Landesbibliothek. Etwas später, in den 1960er Jahren, wurde dann auch noch die naturkundliche Sammlung ausgegliedert und mit ihr die Naturschau, heute Inatura in Dornbirn gegründet.
Die Frage, die unsere Kolleginnen und Kollegen damals beschäftigt hat und auch heute noch beschäftigt ist: Was soll in einer landeskundlichen Sammlung gesammelt werden? Vergleichbar zu jedem privaten Haushalt wird überlegt: Was ist erhaltenswert? Was kann ich langfristig pflegen? Worüber freuen sich meine Erben? Oder was muss ich weggeben, weil in meinem Kasten einfach kein Platz mehr ist. Auch ein Museum muss mit seinen Ressourcen haushalten. Wir können nicht alles bewahren. Es geht nicht nur um das Besitzen. Wir müssen wissen, was wir haben, wo wir es haben. Wir müssen es pflegen und wollen es vermitteln. Hier in der Ausstellung buchstäblich sehen wir, was in der Vergangenheit vom Museum gesammelt wurde und was heute gesammelt wird. Man sieht die Vielfältigkeit an Inhalten, Materialien und Bezugspunkten. Die Objekte stehen nicht nur für sich. Sie zeigen Haltungen, Bedürfnisse und Möglichkeiten ihrer Entstehungszeit und sind und waren durch ihreVerwendung in einem sozialen Gefüge vernetzt. Nicht zuletzt sagen sie etwas über die Sammelnden aus. Die Sammelnden, wir Museumsmitarbeitenden, versuchen so sachlich wie möglich zu sein, können und wollen uns den Zeitgeist, den Trends, was uns aktuell berührt, aber auch nicht ganz entziehen. Wir möchten ein möglichst umfangreiches Bild unseres Lebens, unserer Kultur in der Zukunft vermitteln.
Archäologie, ein wesentliches Forschungsgebiet unserer Sammlung, besteht hauptsächlich aus Bodenfunden, die bei Bautätigkeiten zutage treten und
systematisch erfasst werden. Die Schwertknäufe sind ein Beispiel für das Sammeln des Sammelns wegens. Wir wissen nicht, woher sie der ursprüngliche Sammler hat, von wem sie in welchem Kampf oder zu welcher Gala verwendet wurden. Hier geht es einfach um die Vielfalt, die Freude am Schönen, an der Kunstfertigkeit, dem Streben nach Vollständigkeit, wissend, dass man immer weiter sammeln kann und nie fertig sein wird. Das macht wahrscheinlich auchden Reiz des Sammelns aus.
Was würden Sie sammeln? Was denken Sie, was ein Landesmuseum aufbewahren muss?
(Ute Denkenberger, Leitung Studiensammlung)