Das Corona Tagebuch

von Daniela Egger

Wie kann ein Museum mit der Corona-Krise umgehen? Wie wird die Sammlung bestückt, damit später etwas über diese denkwürdige Epoche gezeigt und erzählt werden kann? Das vorarlberg museum sammelt Objekte, Fotos und Texte. Die Schriftstellerin Daniela Egger führt im Auftrag des Museums ein literarisches Tagebuch in Zeiten von Corona und die Fotografin Sarah Mistura hält bildlich fest, wie das Virus das Leben der Menschen verändert.

Daniela Egger, geboren 1967, lebt und arbeitet in Bregenz.
Sie schreibt Erzählungen, Theaterstücke, konzipiert Ausstellungen und leitet das Projektmanagement der Aktion Demenz.

www.daniela-egger.at



Donnerstag 2. April | 708 Infizierte in Vorarlberg

Ich bin zu spät dran. Der Wald ist voller Sportler, es gibt ein paar Turngeräte auf dem Weg, unter anderem eine Slackline. Ein Stück von ihr entfernt sitze ich auf einem sonnigen Platz jenseits der Wege und lehne mich an einen Baum. Er flüstert mir zu, dass wir noch lange brauchen werden, um in seiner Zeit anzukommen. Für dieses Geheimnis drückt er mir einen Stempel aus Harz auf den Mantel, damit ich es nicht wieder vergesse. Der Wald ist nicht nur voll, sondern auch voller Lärm. Zwei Männer versuchen abwechselnd ihr Glück auf dem Band, der eine kommt ins Wackeln, weil er niesen muss. In seine Hand. Mit der er sofort nach der aufgespannten Halteleine greift. Natürlich, das macht man so, bevor man fällt. Der nächste, der das Ding benutzt ... naja. Ich gehe wieder heim, Tag 5 der Fastenzeit verleidet mir dieses viel zu reale Leben.

Heute hatte ich eines der neuerdings beliebten Zoom-Meetings mit einer Reihe von Organisationen aus einigen Ländern Europas. Ich war angefragt worden, dort einen Teil meiner Arbeit zum Thema Demenz zu präsentieren, natürlich auf Englisch, und ich habe festgestellt, dass mein System schon ziemlich heruntergefahren ist. Mein Gehirn hält den langsameren Alltag für Urlaub und entsprechend wenig Denk-Struktur stellt es zur Verfügung. Ich kann mich dann aber doch zusammenreißen und bin danach allerdings erschöpft. Dafür kann ich jetzt Bäumen zuhören.

Eine der Frauen, die an Demenz erkrankt ist, berichtet aus Schottland von ihrer belastenden Situation durch die Einsamkeit. Mangelnde Kontakte sind für Menschen mit Demenz fatal, sie können den Krankheitsverlauf beschleunigen.

Jetzt werden auch in Italien Patienten mit dem Blut bereits geheilter Corona-Infizierter behandelt, offensichtlich mit Erfolg, wie auch schon vor Wochen aus Wuhan berichtet wurde. Griechenland scheint in der Flüchtlingsfrage nachzugeben, was Hoffnung für die Menschen in den katastrophalen Lagern bedeutet. Ich möchte mal bescheiden nachfragen, was mit den Kindern in den USA geschehen soll, die seit einer Ewigkeit von ihren Eltern getrennt in riesigen Lagern und ohne Betreuung festgehalten werden. Ich verstehe vieles nicht, aber das ist eine Ungeheuerlichkeit. Wo bleiben die internationalen Anfragen und Proteste, wo die Medien, die Alarm schlagen? Vielleicht gibt es momentan zu viele Ungeheuerlichkeiten gleichzeitig. Auf den Philippinen will der Präsident auf Menschen schießen lassen, die Probleme bei der Einhaltung der Ausgangssperre machen sollten. Lauter Verrückte in Führungspositionen. Muss ich noch erwähnen, dass Österreich ein Protest-Statement von 16 Ländern gegen Orbans Griff nach der Alleinherrschaft in Ungarn nicht unterzeichnet? Eigentlich war das von vornherein klar, jetzt ist aber auch sichtbar, wie viel grüne Regierungsbeteiligung in solchen Fragen möglich ist.

Foto: Daniela Egger
Foto: Daniela Egger
Foto: Daniela Egger
Foto: Daniela Egger

Mittwoch 1. April | 683 Infizierte in Vorarlberg

Heute Morgen hat eine Amsel vor meinen Augen meine Deko von der Terrasse gefladert und ließ sich nicht stören, selbst als ich sie freundlich fragte, ob sie eventuell auch etwas weiche Baumwolle mitnehmen möchte. Sie war emsig am Arbeiten und trug weiterhin kleine Äste aus der Osterdeko in einen nahen Baum, während ich direkt vor ihr stand. Unbrauchbares hat sie ungeordnet auf dem Boden hinterlassen.

Ich verliere auch den Kampf über den Wohnzimmerboden, ich muss es zugeben. Neben der Yoga-Matte liegen diverse Nintendo-, i-Pad- und Laptopgeräte, Kopfhörer, Schulbücher, Micky-Maus-Hefte und ein paar undefinierbare Kleinteile verstreut herum. Dazwischen schleppt die Katze ein Seil hinter sich her, auf der Suche nach einem Spielkameraden. Dabei wird sie gefilmt, denn die aktuelle Aufgabe für Deutsch lautet, einen inneren Monolog in einem Film zu erstellen. Auf den Monolog der Katze bin ich gespannt. Bisher habe ich die Materialflut noch kleingehalten, aber seit gestern übe ich mich im täglichen OOOOHHHMMM.

Man möchte Glück, wendet sich aber von ihm ab – das sagt der von Neuropsychologen als „glücklichster Mensch der Welt“ deklarierte Matthieu Ricard. Der ehemalige Wissenschaftler wurde buddhistischer Mönch, die jahrelange Meditation hat bei ihm nachweisbare Veränderungen im Gehirn hinterlassen – sehr wünschenswerte Veränderungen, denn mit einer Computertomographie lässt sich Glück anscheinend messen. Er erklärt in einem einstündigen Gespräch, was Glück in Wirklichkeit ist – nichts Neues, aber immer wieder gut, um es in Erinnerung zu rufen. Jedenfalls habe ich seit zwei Wochen wieder richtig viel Zeit zum Meditieren und es tut mir definitiv gut.

In Vorarlberg gelten 117 infizierte Menschen offiziell als geheilt. 15.800 Menschen sind ohne Job, wieder ein historisches Hoch – österreichweit sind es eine halbe Million, wir sind auf dem Stand von 1946. Trotz allem kann ich diesem globalen Stillstand immer noch etwas abgewinnen. Es hat für mich eine große Faszination, dass ein Virus es schafft, die Klimaziele in kürzester Zeit zu erreichen.

Ok, das ist jetzt polemisch, aber wenn es so weitergeht, ... dann ist es wohl an Bildungsminister Faßmann öffentlich zu verkünden, dass es in diesem Jahr keine Schulnoten geben kann. Das wäre ein kleiner, persönlicher Triumph. Es ist ein massives Problem, dass laut Bildungsministerium in Österreich 260.000 Schülerinnen und Schüler für die Schule nicht erreichbar sind. Diese Kinder und Jugendlichen sollen jetzt von Sozialarbeitern kontaktiert werden. Mein Sohn hingegen ist ziemlich glücklich mit dem Lernen daheim, aber das geht nur, weil einer von uns immer Zeit hat, weil wir Platz haben und Ruhe, weil er ein Einzelkind ist ... und weil er grundsätzlich nicht besonders gerne in die Schule geht.


Dienstag 31. März | 657 Infizierte in Vorarlberg

Wir hören seit zwei Tagen griechische Sagen, während wir Lego- und Playmobilteile sortieren. Die Flüsse waren von Anbeginn der Zeit heilig, wie alles, was Ewigkeit besitzt. Das hatte ich vergessen, aber ich finde es absolut einleuchtend. Ein Land ohne Flüsse bringt keine Lebensgrundlage hervor. Der letzte heilige Fluss, der Ganges, transportiert heute die größte Menge Plastik ins Meer. Ich bin nicht alleine mit dem Vergessen. Das Zimmer meines Sohnes ist bei Licht betrachtet auch voller Plastikteile, er steht genau an der Schwelle: Sein Blick erkennt noch immer seine wunderbare Phantasiewelt und gleichzeitig schon die leblosen Plastikfiguren. Nachts, als er im Bett liegt, sagt er „Es ist gut, dass wir jetzt das Zimmer räumen.“

Ich habe aus dem Intervallfasten eine Fastenkur gemacht, es ist Tag drei ohne Essen. Jedem sein eigenes Reinigungsritual, das unter die Haut geht. Tag drei ist immer ein schwieriger Tag, aber meine allerbeste Heilpraktikerin steht mir telefonisch bei.

Im Central Park steht jetzt ein Feldlazarett. In Schweden wird die Corona-Pandemie lockerer gehandhabt, eine meiner Bekannten möchte dorthin auswandern. Sie hält die Maßnahmen im restlichen Europa für übertrieben. Ich würde auch gerne wissen, ob die Schweden vielleicht richtig liegen – bisher geben die Zahlen ihnen Recht. Ich hoffe, das bleibt so – daraus lassen sich Schlüsse ziehen für unsere unmittelbare Zukunft. Für diese gibt es noch andere Themen, die mir ebenso gefährlich erscheinen wie das Virus.

Der Insektenbestand ist auch in Österreich drastisch gesunken – vielleicht bleiben wir ja lange genug daheim, um auch auf Agrargifte zu verzichten? Naja, man darf ja Wünsche äußern (diese beziehen sich nur auf die Gifte, nicht auf das längere Daheimbleiben).

Was der globale Shutdown für Auswirkungen hat, lese ich einem Bericht über Indien. Aber ich fürchte, die hektischen Aktivitäten einer maroden Wirtschaft nach dieser Zeit werden das Klima mehr als vorher gefährden – und die kleinen positiven Nachrichten von der kurzzeitig besseren Luft und der Rückeroberung der Strände durch meinen geliebten Wasserschildkröten werden dann Geschichte sein.


Montag 30. März | 616 Infizierte in Vorarlberg

Ich bin wütend. Es gibt viele Dinge, die ich unerträglich finde, allen voran, dass es immer noch keine Lösung für die Menschen in den griechischen Flüchtlingslagern gibt. Das war schon die letzten Monate unerträglich – da sitzen KINDER, die sich mit Selbstmordversuchen aus dieser Hölle bringen wollen, wie die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ berichtet. Was aber jetzt dem Fass den Boden ausschlägt, ist die Aufforderung des griechischen Gesundheitsministers, Abstand zu halten und sich die Hände zu waschen – er richtet diese Worte dezidiert auch an Flüchtlinge. 15 Menschen in einem Zelt, kein Wasser und keine Seife. Das ist purer Zynismus. Diese Lager sind ein Pulverfass für Krankheiten, und eine Schande sind sie auch. Und was mich ganz genauso wütend macht, sind die Kälbertransporte, die für die Tiere noch schlimmer werden, weil auch die letzten Transportvorschriften fallen gelassen werden. Diese Tiere stehen jetzt auch noch stundenlang im Stau, ohne Wasser oder Futter, ohne Platz und voller Angst.

Ich bin überzeugt davon, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen unserem Umgang mit anderen Lebewesen und dem mentalen Stress in unserer Gesellschaft. Kurt Schmiedinger, ein Ernährungswissenschafter, bringt in den V-Heute die Massentierhaltung mit dem Auftreten von Pandemien in Zusammenhang. Und um noch eines draufzusetzen: In Ungarn herrscht seit heute eine Diktatur, das Parlament ist auf unbestimmte Zeit abgesetzt. Wer über schwierige Themen schreibt oder „falsche Informationen“ verbreitet, unterliegt der Zensur oder landet im Gefängnis. Ab jetzt ist es zu spät für diplomatische Interventionen. Das EU-weite Schweigen dazu hat mich wirklich erschreckt. Es müssen neben Corona auch noch andere Themen Platz haben in den Agenden von Politikern – das würde ich von gutbezahlten Menschen in solchen Positionen erwarten. Übrigens ist unser Bundeskanzler ein erklärter Freund von Victor Orban, das sollten wir nicht vergessen.

“The dark night of the soul comes just before revelation. When everything is lost, and all seems darkness, then comes the new life and all that is needed.” (Joseph Campbell)

Ich lese Joseph Campbell und bin so froh über seinen archaischen Zugang zur Welt, der mir auf jeder Seite weite und helle Räume öffnet. Na gut, und jetzt noch etwas Schönes aus Vorarlberg – drei heimische Großunternehmen spenden zwei Millionen Euro für Schutzmaterialien für medizinisches Personal. Die Kunststoffverpackungsfirma Alpla, der Beschlägehersteller Blum und der Fruchtsafthersteller Rauch stellen Budget zur Verfügung, die heimischen Textilbetriebe produzieren Schutzmasken, die man ab heute zum Einkaufen verwenden soll. Ab Mittwoch sind sie Pflicht. Menschen mit Mundschutz im Supermarkt hat man in Österreich auch noch nie gesehen.



Samstag 28. März | 563 Infizierte in Vorarlberg

Italien erwägt eine Art bedingungsloses Grundeinkommen für alle für einen bestimmten Zeitraum, im schottischen Nationalrat wird es ebenfalls diskutiert. Dieses Virus entwickelt ungeahnte Durchschlagskraft.

Es sind schöne Frühlingstage, die Natur erwacht. Endlich mache ich tägliche Spaziergänge im Wald und habe mehr Zeit für Dinge, die mir wichtig sind. Ich nehme mir fest vor, das Gehen im Wald auch nach diesen eigenartigen Wochen beizubehalten.

Am Nachmittag reicht mir meine Nachbarin einen selbstgemachten Schokoladenkuchen über den Zaun. Eigentlich wäre ich diejenige, die für sie einkaufen gehen sollte, sie gehört mit ihrem hohen Alter der Risikogruppe an, aber das ist auch die Generation „Danke-ich-komme-alleine-zurecht“. All meine Angebote ihr behilflich zu sein, sind bisher ins Leere gelaufen – und sie hat so Recht. Die Menschen in Vorarlberg halten sich offensichtlich an die Maßnahmen, der Polizeikommandant bedankt sich bei der Bevölkerung dafür. Das alles ist irgendwie auch skurril.

Die USA haben China überholt, schon jetzt gibt es dort mehr Corona-Infizierte und Tote, als in China bisher. In Wuhan, dem Ausgangsort der Epidemie, werden die Ausgangseinschränkungen heute nach zwei Monaten wieder aufgehoben. Ich bin gespannt, wie sich die angekündigte zweite Ansteckungswelle gestaltet.

In Österreich gibt es jetzt 8000 nachgewiesene Infizierte, Tendenz steigend. Der höchste Wert wird in einem Monat erwartet. Ich rechne nicht mehr damit, dass die Schule vor dem Sommer wieder startet. Die Telefonate meines Sohnes mit der Schulkameradin werden häufiger und länger, was mir ein bisschen wehtut. Sie sollten sich sehen und ganz normal herumblödeln können.

Inzwischen wird von der Yoga-Stunde bis zur Oper und dem Theaterstück alles ins Wohnzimmer gestreamt. Der Kulturbetrieb liefert online frei Haus – mich würden die Einschaltquoten interessieren, ich hoffe, sie erreichen eine bestimmte Anzahl an Zuschauer*innen, bin aber skeptisch.

Die Vorarlberger sind erfinderisch und die Apelle in den Medien, doch bitte regional zu bestellen und einzukaufen, häufen sich. Es gibt eine Reihe von Plattformen und Lebensmittelautomaten mit Produkten ab Hof.

Eine meiner Freundinnen steht demnächst vor der Entscheidung, eine ganze Abteilung ihres Betriebes schließen zu müssen, sie rechnet seit Tagen das Budget durch. Es gäbe einige Gründe, ein Glas Wein miteinander zu trinken, um herausfordernde Situationen zumindest gemeinsam zu begießen, aber genau das geht nicht. Wie viel Zeit inzwischen vergangen ist, erkennt man auch am Haarschnitt der Menschen – die einen ergrauen und ich bin schon gespannt, ob der gute alte Pferdeschwanz wieder modern wird.


Freitag 27. März | 529 Infizierte in Vorarlberg

Ich telefoniere mit der Klassenlehrerin, um herauszufinden, ob wir eigentlich die einzigen sind, die noch keine ausgefüllten Aufgabenblätter in die Schule geschickt haben. Ruben sitzt zwar täglich an seinen Sachen, aber in seinem üblichen Tempo und gänzlich ohne Ehrgeiz. Das ist nichts Neues für uns. Kinder von Freundinnen haben den ganzen Vormittag „Schule“, werden täglich mit Aufgaben beglückt und sind ständig in Kontakt mit den Lehrer*innen. Ich bin so froh, dass unsere Schule das anders handhabt. Wir vereinbaren, dass er einen Bericht darüber abgibt, wie er mit Harry Potter auf Englisch vorankommt, und auch die Bücher, die er auf Deutsch liest, soll er mit einer Powerpoint-Präsentation oder live per Skype vorstellen. Das gilt ebenso als Mitarbeit wie die Arbeit an den Aufgabenblättern. Kluge Lehrer*innen sind so hilfreich.

Der Wald hinter unserem Haus ist ebenfalls sehr hilfreich für meine Nerven; heute begegne ich beim Spaziergang einem der seltenen Arbeitspferde „im Holz“. Der junge Bauer transportiert mit dem schönen, kräftigen Noriker Baumstämme durch das Unterholz auf den Weg. Die Szene ist unwirklich schön im Sonnenlicht. Er freut sich, weil ich ihm verspreche die Fotos zu schicken, die ich mit seiner Erlaubnis gemacht habe. Etwas entfernt steht der Direktor des Kunsthauses Bregenz mit seiner kleinen Tochter. Auch er hat so einen Arbeitsvorgang noch nie gesehen, wie er mir erzählt. Wir teilen diesen besonderen Augenblick, bevor wir weitergehen, das Pferd mit Bauer den Hang hinauf, Vater mit Tochter Richtung Gebhardsberg, ich nach Hause. Homebound. Ach ja, mein Wort des Tages lautet Eutopie: ein medizinischer Begriff, der bedeutet, dass alle Organe an ihrem richtigen Platz und funktionsfähig sind.

Der Ruf nach einem breiten Diskurs über die Sinnhaftigkeit der Maßnahmen wird lauter, wie sich auch Ungeduld und Spekulationen breit machen – fake news, denen die Regierung entschieden entgegentritt. Ich verstehe vieles nicht und kann vor allem nicht einschätzen, was in einer Situation, die es vorher noch nie gegeben hat, richtig oder falsch ist. Ich bin immer wieder überrascht vom Selbstbewusstsein mancher Zeitgenossen, die apodiktisch ihre Sichtweise in den Raum stellen, gänzlich ohne Fragezeichen. Früher war ich fasziniert von Menschen, die Wissen in sich vereinen und es auch eloquent präsentieren können. Heute liebe ich Menschen, die Fragen stellen, das wird mir immer deutlicher bewusst.

In Idlib, Syrien, malen zwei Graffiti-Künstler ein Dankesbild für Angela Merkel und gratulieren ihr, weil sie wieder gesund ist. „Frau Merkel hat viele Flüchtlinge aufgenommen“, sagen sie im Interview, „Das werden wir ihr nie vergessen.“


Donnerstag 26. März | 445 Infizierte in Vorarlberg

Jetzt hat auch Indien eine Ausgangssperre verordnet, weltweit sitzen derzeit 2,6 Milliarden Menschen zu Hause fest. In Afrika nimmt das Virus gerade erst Anlauf, erste Kranke sind getestet worden. Ich entdecke täglich neue Wörter, die mir gefallen: homebound lautet das schöne englische Wort für die Ausgangssperre, ich kannte es als „Heimflug“ aus meiner Zeit als Flugbegleiterin. 2,6 Milliarden Menschen, die zum größten Teil weder Garten noch Balkon und zu wenig Platz haben. Was sich hinter den diversen Türen abspielt, wäre Stoff für Schriftsteller*innen. Meine Dankbarkeit für das österreichische Sozialsystem wächst täglich.

Die New York Times berichtet von reichen Amerikaner*innen, die auf ihre Luxusyachten flüchten, mit Angestellten, die dann aber auch nicht mehr abreisen dürfen. Mit im Team ist neuerdings medizinisches Personal – man kann ja nicht wissen. Es gibt viel zu viele Superreiche, die sich so etwas leisten können, und sie versuchen dem Gesundheitssystem jetzt Kräfte zu entziehen, die anderswo weit dringender gebraucht werden. Amazon-Chef Jeff Bezos verdient in zehn Tagen zehn Milliarden Euro und braucht 100.000 neue Mitarbeiter*innen; Amazon-Aktien sind derzeit wertvoller als Gold. Der Standard  bringt es auf den Punkt: „Hohe Dividenden an Aktionäre zahlen, gleichzeitig Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken und um staatliche Hilfe ansuchen? Das kommt nicht gut.“

Weil ich von meinem Bluthochdruck erzählt habe (der jetzt chemisch zwangsberuhigt ist, was einer kleinen persönlichen Niederlage gleichkommt, aber das ist eine andere Geschichte), bekomme ich viele liebe Anrufe und Tipps. Gestern erzählte ein deutscher Arzt von seiner eigenen Infektion, die trotz Bluthochdruck relativ harmlos ausfiel und die er zu Hause gut überstanden hat – ich suche so lange nach Antworten, bis ich diejenigen finde, die ich hören möchte. Wir sind eine Antwortgesellschaft, es tauchen unzählige Antworten auf, täglich und stündlich. Die Unwissenheit auszuhalten ist schwer. Vertrauen zu haben ist schwer und daheim zu bleiben ist auch schwer.

Das erste Todesopfer in Vorarlberg ist zu beklagen, aber doch: In Österreich gelten laut Gesundheitsminister Rudi Anschober in der ZIB 112 nachweislich Infizierte jetzt als genesen. Die Dunkelziffer der bereits wieder gesunden Menschen dürfte weit höher sein – und immer noch ist unklar, ob diese nicht jetzt doch immunisiert sind und sich frei bewegen könnten. Sie wären ideale Ehrenamtliche für so viele Dienste.


Mittwoch 25. März | 417 Infizierte in Vorarlberg

Ausgangsbeschränkung Tag 10 und ich habe noch immer keine Lust auf Großreinemachen. Ich bin froh, wenn ich sonst alles auf die Reihe bekomme, was zu tun ist. Heute habe ich mir ein stärkeres Medikament besorgt für meinen neuerdings wieder hohen Blutdruck. Eine Folge der Bilder aus den Intensivstationen, vermute ich. Seit ich diese Tabletten zu Hause habe, fühle ich mich besser – noch bevor ich eine davon nehme. Die Psyche ist schon so ein Luder ... Monatelang war mein Blutdruck ganz normal, kaum höre ich, dass Bluthochdruck-Patienten besonders gefährdet sind, steigen die Werte. Mein Arzt erklärt mir am Telefon, was er von dieser Pandemie hält (nämlich nichts) und was er in der Zukunft erwartet. Das Gespräch geht Richtung Weltverschwörung und ich halte mich kurz, allerdings zeichnet er ein ähnliches Bild wie Yuval Noah Harari, nur spricht er deutliche Verdächtigungen aus, was ein international renommierter Autor natürlich nicht macht.

Zu Hause treffe ich meinen Sohn bei einem FaceTime-Telefonat mit einer Schulfreundin an und gehe innerlich auf Zehenspitzen. Auf keinen Fall will ich durch meine Anwesenheit einen seltenen Kontakt zu seiner Außenwelt unterbrechen.

Inzwischen fordert UNO-Generalsekretär Guterres einen globalen Waffenstillstand, „weil ansonsten Millionen zu sterben drohen“ ... eine eigenartige Argumentation – ist das nicht die Grundidee des Krieges? Ich bin natürlich ganz seiner Meinung, aber diese Forderung sollte auch ohne Ausnahmezustand täglich in den Medien präsent sein, gerade von ihm.

Diese Situation stellt so viele Fragen an uns und es gibt so wenige verlässliche Antworten. Allein schon die nächsten Schritte bei unserem Literaturhaus-Projekt: Wird es die zugesagte Förderung der Kulturabteilung noch geben? Sollen wir Kurzarbeit beantragen, geraten wir dann in eine Doppelförderung oder machen wir einen Fehler, weil wir nicht rechtzeitig die Arbeit auf Null gesetzt haben? Das alles sind Luxusprobleme, die wir trotzdem lösen müssen.

560 medizinisch ausgebildete Leute haben sich bis heute freiwillig gemeldet, der Aufruf bleibt aber aufrecht, die Landesregierung bittet um helfende Hände. Das ist kein Luxusproblem.


Dienstag 24. März | 391 Infizierte in Vorarlberg

23 Menschen werden im Krankenhaus behandelt, davon zehn auf einer Intensivstation. Tirol und Vorarlberg haben die am schnellsten wachsende Infektionsrate, österreichweit wird die Ansteckungskurve flacher.

Ich muss mir eingestehen, dass ich auch zur Hypochondrie neige. Ich habe keinerlei Beschwerden, aber seit Sonntag hat sich ein inneres Radar aktiviert, das nach dem leisesten Kratzen in meinem Hals fahndet. Ich muss das wieder loswerden. Derzeit weht ein eisiger Wind und es wäre die klassische Zeit für eine der üblichen Erkältungen. Ein Arzt aus Italien berichtet von den Zuständen im Spital, auch von jungen Intensivpatienten, deren Bluthochdruck die Infektion eskalieren ließ. So ein Mist.

Nachdem wir auf vielen Medien von den gravierenden Folgen für die Wirtschaft lesen, die uns in düsterer Zukunft erwarten, vermelden die US-Börsen den stärksten Handelstag seit 1933 – ein historischer Kursgewinn. Ich bin gar nicht sicher, ob ich das erklärt bekommen möchte. V-Heute bedankt sich für die höchste Einschaltquote seit den Anfängen der Sendung im Jahr 1988, 83 % der Vorarlberger Bevölkerung sitzt derzeit täglich vor den Bildschirmen. Auch nicht überraschend, aber schon wieder historisch. Genauso wie die Absage der Olympiade 2020, die heute verlautbart wurde. V-Heute bedankt sich bei der Bevölkerung, Spar bedankt sich bei den Mitarbeiter*innen mit einem einmaligen Geldgeschenk. Bundeskanzler Kurz bedankt sich bei allen Österreicher*innen. Ich danke dem Schicksal, das rechtzeitig dafür gesorgt hat, dass wir eine funktionierende Regierung haben – ich meine das übrigens sehr ernst. Ich bin wirklich sehr froh darüber, in Österreich zu leben. Heute habe ich mit einem jungen Mann in Ungarn telefoniert, dort gibt es keine Großveranstaltungen mehr, aber auch keine Ausgangseinschränkungen. Wollen wir hoffen, dass das gut geht.

Tausende Freiwillige haben sich nach einem Aufruf des Landwirtschaftsministeriums zur Erntehilfe gemeldet. Außerdem ruft die Regierung Pflegekräfte, LKW-Fahrer*innen und medizinisch ausgebildete Kräfte dazu auf, sich zu melden, gebraucht wird jede helfende Hand.

Begeistert lese ich einen Geo-Artikel, in dem eine Wissenschaftlerin über ihre Arbeit mit Pflanzen berichtet und nachweist, dass diese Strategien entwickeln können und Schlüsse aus früheren Erfahrungen ziehen, ähnlich wie die berühmten Pawlowschen Hunde. Wir unterschätzen die Natur bei Weitem, schon lange.


Montag 23. März | 330 Infizierte in Vorarlberg

Ich soll Texte schreiben und meinen Sohn zum Englischlernen überreden ... er aber liebt Mathe und bleibt konzentriert bei diesen Aufgaben. Ich entscheide, dass Mathe ebenso wichtig ist und lasse ihn machen. Wir beschließen gemeinsam, dass er Band eins der Romanreihe um Harry Potter auf Englisch lesen wird, ich scheitere aber bei der Bestellung an der Website unserer lokalen Buchhandlung. Das ist die dritte Website, deren Service-Leistung mehr als bescheiden ist, wenn es darauf ankommt. Wenn ich nur mehr Geduld hätte für den ganzen technischen Kram ...

Seit einem Chat gestern in der Nacht mit einem Freund bin ich gar nicht mehr entspannt. Er lebt in Frankreich und berichtet davon, wie junge und eben noch gesunde Menschen in seiner Nachbarschaft wegsterben, wie das Militär Patienten per Hubschrauber in weiter entfernt gelegene Krankenhäuser fliegt und Truppen auf den Straßen patrouillieren. Wer draußen angetroffen wird, braucht einen triftigen und schriftlich verfassten Grund, wer mehrmals erwischt wird, dem drohen drakonische Strafen bis hin zum Gefängnisaufenthalt. Zwischen 21:00 und 6:00 Uhr hat niemand außer Haus zu sein. Bei uns wird social distancing auch zunehmend ernst genommen, und der erste schwer verlaufende Corona-Fall ist bereits in unsere Nähe gerückt. Zum Glück ohne direkten Kontakt.

Trotzdem muss der Alltag irgendwie funktionieren, also schiebe ich Horrorbilder aus den Intensivstationen aller Welt wieder weg, wundere mich, dass ausgerechnet Ärzte aus Kuba Italien zu Hilfe eilen und kehre zurück zur jetzt eben telefonischen Buchbestellung. Die klappt sofort dank einer sehr unkomplizierten Buchhändlerin per Sofortübergabe an einem vereinbarten Ort, gänzlich ohne die Türe des Geschäfts zu öffnen. Genialer Service.

Ich mache mir Sorgen um die EU – überall werden Grenzen hochgezogen, Orban ändert über Nacht die Gesetze, die eine Diktatur in Ungarn ermöglichen – und kein Staatschef protestiert. Die schöne neue Welt von Matthias Horx hält der Realität nicht stand.


Sonntag, 22. März | 294 Infizierte in Vorarlberg

Die Neuinfektionen flachen deutlich ab, ein Durchbuch in der Medizin macht gleich noch mehr Hoffnung – in Salzburg wurde ein Medikament getestet, das die Symptome der Viruserkrankung um 90 % mildern kann, so Dr. Richard Greil, Primar an den Salzburger Landeskliniken. Er geht mit zwei Medikamenten an die Öffentlichkeit, die in seiner Klinik gegen Krebs zum Einsatz kommen. Seit gestern werden sie bei schwer Erkrankten auf der Intensivstation angewendet, es bleibt abzuwarten.

Seit fast einer Woche gelten die Ausgangseinschränkungen. Wir müssen uns ein bisschen verteilen, damit wir nicht dauernd aufeinandersitzen, mein Sohn vermisst es, auch mal alleine zu sein. Ich verstehe ihn sehr gut, mir geht es auch so, aber wir Eltern können uns das besser einteilen: Wenn Ruben bei M. schläft, habe ich die Wohnung für mich. Also gehe ich eine Runde auf den Gebhardsberg, er bleibt in seiner Hängematte und schaut sich Videos am Handy an. Leider hatte nicht nur ich diese Idee, viele Spaziergänger pilgern den Weg nach oben, die natürlich alle in gebührendem Abstand gehen, aber auf diesen engen Waldwegen ist das im Grunde schwer möglich. Ich drehe um und gehe nach halbem Weg wieder nach Hause.

Es mehren sich die besorgten Stimmen von klugen Menschen, dass wir unsere demokratisch verankerten Freiheiten leichtfertig aufs Spiel setzen. Das ist sicher eine der vielen drohenden Gefahren, aber ich stelle für mich eine Gegenthese auf – was, wenn wir nach dieser Zeit der Besinnung auf die Idee kommen, eine andere Wirtschaftsform gestalten zu wollen? Ich lese, dass 1100 Obdachlose in London in Hotels untergebracht werden, freiwillige Taxifahrer bringen sie dorthin. Was alles möglich ist, wenn man sich vor Schlimmerem fürchtet.


Samstag, 21. März | 234 Infizierte in Vorarlberg

"Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Tiefenkrisen nennt das die Zukunftsforschung“, sagt Zukunftsforscher Matthias Horx und zeichnet ein hoffnungsvolles Bild für die Zeit nach der Corona-Pandemie. Horx war nie auf meiner Liste ernstzunehmender Menschen – aber entweder hat er Marihuana gehamstert wie andere Leute Klopapier oder er spürt wie ich eine ähnliche, durchaus nüchterne Erleichterung. Ich empfinde diese neben all den grauenhaften Bildern und Erzählungen aus Italien, und ich glaube wirklich, dass ein kollektives und verordnetes Innehalten nicht spurlos an uns allen vorübergehen kann.

Ich habe erst kürzlich realisiert, dass ich zu einer Risikogruppe gehöre, also habe ich großen Respekt vor den kommenden Wochen, aber neben all der Verunsicherung stelle ich mir vor, dass genau jetzt in großen Teilen der Welt Millionen von Menschen zu Hause in ihren vier Wänden bleiben und stillhalten. Irgendwann stellt sich vermutlich jedem Menschen eine Frage: Wie will ich eigentlich leben? Ich traue der Menschheit so viel zu, in jede Richtung. Yuval Noah Harari warnt gleichzeitig vor den neuen technologischen Möglichkeiten der Überwachung, deren Einsatz derzeit leicht zu argumentieren ist. Solche einmal erlassenen Gesetze wurden aber in der Regel, wie die Vergangenheit beweist, nicht mehr revidiert, auch nicht, nachdem eine Gefahr gebannt ist. Wir werden uns also an Dinge gewöhnen müssen, die uns zuwider sind. Und schon hat sich die zarte Erleichterung in mir wieder aufgelöst, denn Horx gegen Harari ist ein ungleicher Kampf.


Freitag, 20. März | 199 Infizierte in Vorarlberg

Unsere heutige Heimunterrichtserfahrung vergrößert meine Dankbarkeit gegenüber geduldigen Lehrerinnen und Lehrern. Wir können uns in unserer Lage glücklich schätzen, jeden Tag und in fast jedem Telefongespräch mit Freundinnen höre ich von richtig schwierigen Situationen im privaten Umfeld. Da tritt, ein bisschen wie in der Weihnachtszeit, alles zutage, was man im hektischen Alltag übergehen kann.

In Vorarlberg gab es bislang 28 Anzeigen für Übertretungen der COVID-19-Gesetze. Was immer das im Detail bedeutet, sie können eine Strafe von bis zu 3000 Euro nach sich ziehen. Die Ausgangseinschränkung ist bis nach Ostern verlängert worden. Ich habe die Hoffnung, dass jetzt wirklich eine globale Erkenntniswelle möglich wird, zum Beispiel, welche Kräfte unverzichtbar für eine Gesellschaft sind. Die meisten werden derzeit vorwiegend von unterbezahlten Frauen geleistet. Öffentlicher Applaus und Lob in den Medien sind ja auch schön, aber wenn Pflegekräfte, Angestellte im Einzelhandel, Warenlager-Mitarbeiter*innen, LKW-Fahrer*innen, Reinigungskräfte und so viele andere jetzt auch nur für zwei Stunden ihre Arbeit stoppen und freundlich nachfragen würden, ob man eventuell noch einmal über die Gehälter reden könnte ... Nein, das ist kein Vorschlag, nur ein flüchtiger Gedanke.

Wie positiv ein gemeinsamer „Feind“ von außen auf unsere österreichische Politiklandschaft wirkt – jetzt hat Sebastian Kurz endlich ein richtiges Thema. Das Fehlen eines eigenen Themas war bisher sein großes Manko. Die Koalition mit den Grünen mündete schnell in einer intensiven Zusammenarbeit. Inzwischen wird die Überforderung und Fahrlässigkeit einiger Populisten in anderen Staaten deutlich. Trump schlägt vor, alle Infizierten auf Kreuzfahrtschiffen zu isolieren. Dabei habe ich mir vorgenommen, kein Wort über ihn zu verlieren, aber es ist wirklich schwer. Ich mache mir Sorgen um meine Freunde in den USA. Afrika schließt zum ersten Mal die Grenzen zu Europa, schon wieder ein historisches Ereignis.


Donnerstag 19. März | 165 Infizierte in Vorarlberg

Am 14. März schickt China 2300 Kisten mit Atemschutzmasken nach Italien. Auf den Paketen steht: „Wir sind Wellen desselben Meeres, Blätter desselben Baumes, Blumen desselben Gartens.“

Ich arbeite das ganze Jahr durch von zu Hause aus, deswegen ist mein Alltag nicht ganz so von der Situation betroffen, aber ich erhalte deutlich mehr private Anrufe. Die Menschen haben Zeit und auch das Bedürfnis zu reden. Mein Sohn steht irgendwann nach 9:00 Uhr auf und greift zuerst nach seinem Roman, das Handy lässt er liegen. Irgendwas läuft hier richtig gut. Allerdings ziehen sich im Lauf des Tages Verlängerungs- und Computerkabel durch die Wohnung und geben Hinweise darauf, wo er sich gerade befindet. Heute wäre auch ganz regulär schulfrei (Josefstag), beinahe hätten wir mit der Unterrichtszeit begonnen – zum Glück ist es mir rechtzeitig eingefallen.

Damit die Supermärkte beliefert werden können, muss jetzt das Bundesheer helfen, was ich nicht verstehe. Ich verstehe vieles nicht, zum Beispiel auch, warum es nicht ausreicht, nur die Risikogruppen zu isolieren.

In der Dornbirner Messehalle wird eine Ambulanz für Nicht-Corona-Fälle eingerichtet, um die Spitäler freizuhalten. Warten auf das Virus sozusagen – man rechnet mit ca. 6000 Infizierten.

Seit heute ist Vorarlberg auch gegen Tirol abgeriegelt, es sind also alle Grenzen dicht. Ich glaube, das ist ein historisches Ereignis, wie überhaupt alles derzeit. Ich glaube, irgendwann habe ich genug von historischen Ereignissen.


Mittwoch, 18. März | 151 Infizierte in Vorarlberg

Wilde Tiere werden in Italien auf den verwaisten Straßen gesichtet. In Japan haben Volksschulkinder ihre abgesagte Schulschlussveranstaltung über das Onlinespiel „Minecraft“ gefeiert – die Kinder errichteten eine eigene Halle mit Bühne, Beleuchtung und Sitzplätzen und führten so die zeremonielle Verabschiedung durch.

In den Nachrichten wird von einer möglichen Verkürzung der österreichischen Sommerferien berichtet. Strahlend blauer Himmel, mein Sohn plädiert für eine Erweiterung seiner Online-Spielzeit, aber so weit sind wir noch nicht. Zunächst gibt es eine Fahrradrunde zu zweit auf abgelegenen Wegen, danach zwei Stunden Lernen an meinem Schreibtisch. Während der Fahrradrunde gehört die Wohnung mir allein, ein derzeit seltenes Vergnügen. Endlich die Nachricht, dass unsere Reise nach Paris auf Ende des Jahres verschoben werden kann. Unerwartete Freude – wir hatten keine Stornoversicherung gebucht.

Noch sind in Vorarlberg alle Infizierten in häuslicher Quarantäne, niemand ist im Spital – trotzdem soll von den Balkonen und aus den Fenstern geklatscht werden. Alles zu verfrüht. Ich bin sicher, die Notwendigkeit dafür kommt noch. In der Nacht beschließt das Land Tirol die Quarantäne für jede einzelne Gemeinde.


Dienstag, 17. März | 100 Infizierte in Vorarlberg

Ein Mathematiker der TU Wien berichtet, dass erste zarte Auswirkungen zu sehen seien, die Ansteckungskurve flache ab. Aber auch die Zahl an Schutzausrüstungen in den Spitälern flacht ab, dabei stehen wir noch ganz am Anfang der Infektionsrate. In Italien stirbt derzeit alle vier Minuten ein Mensch am Virus, die Spitäler sind an der Grenze der Belastbarkeit. Ich lerne ein neues Wort: Triage. Es bedeutet, die Ärzte müssen entscheiden, wem sie helfen werden und wen sie sterben lassen müssen. Auch lese ich über Corona-Partys in Deutschland und muss meine Gedanken zügeln. Nein, ich wünsche niemandem eine Krankheit.

Der ORF berichtet mit Sachlichkeit und hoher Professionalität, unser Ex-Minister Kickl plädiert währenddessen weiter für die Abschaffung der Rundfunk-Gebühren. Ich denke kurz darüber nach, wie es wohl wäre, wenn die FPÖ an der Regierung beteiligt wäre. Frau Hartinger-Klein täglich im Live-Ticker mag man sich nicht ausdenken, Kickls perverse Lust an Krisenszenarien lässt hässliche Szenen erahnen – die zum Glück nicht Realität sind. Das war knapp.


Montag, 16. März | 72 Infizierte in Vorarlberg

Ausgangsbeschränkungen gelten ab sofort für ganz Österreich. Noch sitzen Menschen in Cafés, die erst um 15:00 Uhr geschlossen werden müssen. Es ist ein strahlender Frühlingstag mit einem streifenfreien Himmel. Berufsarbeit, die nicht aufschiebbar ist, darf weiter ausgeführt werden. Ich gehöre nicht zu dieser Gruppe, fahre aber trotzdem ins Büro, weil Homeoffice vorbereitet werden will. Außerdem nehme ich ein paar allzu persönliche Unterlagen mit nach Hause, man weiß ja nie.

Am Nachmittag kommt die Nachricht, dass die EU die Außengrenzen schließen wird. Ich sitze an meiner neuen Website und erlebe die homöopathische Nachwirkung einer tiefen Erschöpfung in Anbetracht der vielen Projekte, die ich sichten und zusammentragen muss. Was ich in den letzten Jahren alles gearbeitet habe, macht mich nachdenklich. Zum Glück bin ich aufgerufen, daheim zu bleiben. Was über Trump in den Medien zu lesen ist, will ich gar nicht kommentieren.


Sonntag, 15. März | 55 Infizierte in Vorarlberg

Ausgangsbeschränkungen.

Treten ab sofort in Kraft, Übertritte werden ab Montag geahndet. Wir sind in der Boulderhalle, die Kinder spielen fangen und klettern. Wer Jugendliche daheim hat, fürchtet sich vor dem Bewegungsmangel und, wie sich dieser auf die Stimmung auswirken kann. Ich telefoniere mit F. und wir beschließen, dass unsere Verabredung noch steht – er richtet meine neue Website so ein, dass ich sie die nächsten Tage in Ruhe befüllen kann. Ein überfälliges Projekt, für das jetzt endlich Zeit sein wird. Um 18:00 Uhr ein erstes Balkonkonzert der Vorarlberger Musiker*innen aus Fenstern, Balkonen und in Höfen. Mir kommt das verfrüht vor, in Italien singen die Menschen von den Balkonen, weil sie schon so lange in Sperrzonen festsitzen. Wir haben noch gar nicht damit angefangen.


Samstag, 14. März | 34 Infizierte in Vorarlberg

Es werde auch in Zukunft keine Ausgangssperre geben, sagt Rudi Anschober in den Nachrichten. Wir sind in der menschenleeren Boulderhalle und versuchen, die Situation zu begreifen, während die Kinder ihrem Bewegungsdrang die Wände hinauffolgen. Ich weiß nicht, wie oft ich an diesem Tag Berichte und Scherze über leere Klopapier-Regale in Supermärkten lese und will es nicht glauben. Wir haben uns heute noch mit Neuerscheinungen eingedeckt, bevor die Buchhandlungen schließen.

34 Menschen sind erkrankt, acht mehr als am Freitag. Ein Vier-Milliarden-Hilfspaket stellt die Bundesregierung für Betriebe bereit – wird eher nicht reichen. Die Kulturschaffenden haben bis jetzt nur schwammige Aussagen zur Kompensation ihrer Einkommensverluste bekommen.

M. geht noch Laufschuhe für Ruben kaufen, damit sie mit dem Joggen beginnen können.


Freitag, 13. März | 26 Infizierte in Vorarlberg

Delfine in den italienischen Häfen, saubere Luft über den chinesischen Metropolen. Das Wasser in den Kanälen Venedigs ist so klar wie nie, die Natur atmet auf.

Ich war noch kurz vor 12:00 Uhr in der Bücherei und habe einen Meter Bücher für Ruben und mich geholt. Um 10:00 Uhr wussten die Büchereiangestellten nicht, dass sie schließen werden. Wir gehen nach Schulschluss gemeinsam ins Manga essen, das Lokal ist fast leer. Am Abend kommt eine Freundin zum Essen zu uns, wir spüren die Unsicherheiten in der Luft und behandeln sie mit einem Glas Wein.


Donnerstag, 12. März | 16 Infizierte in Vorarlberg

Händewaschen wird salonfähig, so sauber waren soziale Kontakte vermutlich noch nie. Ruben bringt seine gesamten Schulsachen mit nach Hause. Er wird noch Instruktionen bekommen, was in den Wochen bis nach den Osterferien zu lernen und zu üben sein wird. Die Schulen sollen ab Mittwoch geschlossen sein, der Schulbesuch am Montag wird den Eltern freigestellt, die geplante Deutschschularbeit abgesagt. Leider wird auch Kung-Fu bis auf Weiteres abgesagt, ich frage mich, wie wir für Bewegung sorgen werden. Auch unsere Parisreise am 19. März wird nicht stattfinden, aber noch ist unklar, ob wir die Kosten selbst tragen müssen. Ich muss einige Mails auf Französisch schreiben und ärgere mich über die Serviceleistung der SNCF-Homepage, ein in sich geschlossenes System. Komme keinen Schritt weiter.


Mittwoch, 11. März | 12 Infizierte in Vorarlberg

Quarantäne in der Lombardei, man darf nur aus beruflichen oder dringenden Gründen auf die Straßen oder um kurze Einkäufe zu erledigen. Die Italiener können dabei von der Polizei kontrolliert werden. In Vorarlberg sind 12 Menschen positiv getestet.

Geisterkonzert in Hamburg: James Blunt spielt in der Elbphilharmonie vor einem leeren Saal, weil das Konzert abgesagt, aber live übertragen wird. Meine Freundin in Hamburg tanzt mit ihrer Tochter im Wohnzimmer. Sie kennt das verwendete Wording der Krisenmanager und macht mich darauf aufmerksam, dass auch ein Bürgerkrieg nicht ausgeschlossen werden darf. Bestimmte Dinge möchte ich nicht hören.

Corona 2020 - Schnappschüsse aus Vorarlberg, Fotos: Sarah Mistura