WAS UNS WICHTIG IST!
02.12.2022 – 16.04.2023

Herausforderung Kulturerbe

 

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Klemens Wihlidal
,
Entwurf für die Umgestaltung des Lueger-Denkmals am Ring

Der Künstler hat mit seinem Wettbewerbsbeitrag zur Umgestaltung des Karl Lueger-Denkmals den von der Universität für Angewandte Kunst Wien 2009 ausgeschriebenen, inoffiziellen Wettbewerb gewonnen. Dass sein Entwurf, der eine Neigung des Denkmals um 3,5 Grad nach „rechts“ vorsah, nie realisiert wurde, sagt einiges über den schwerfälligen Umgang der Politik mit dem „schwierigen Erbe“ aus. Schließlich erlebte der politische Antisemitismus mit der Wahl des Wiener Bürgermeister Karl Lueger 1897 einen Höhepunkt. Dennoch hat erst 2020 die Black Lives Matter-Bewegung, die im Zuge des Todes von George Floyd bei einer Polizeikontrolle einen Sturm auf rassistisch belastete Denkmäler ausgelöst hat, wieder Brisanz in die Debatte um das Karl Lueger-Denkmal gebracht. Kritiker*innen haben mit dem Graffiti-Schriftzug „Schande, Schande, Schande“ reagiert, den eine Künstler*innengruppe auch in plastischer Form auf dem Denkmal anbrachte. Eine rechte Gruppierung demontierte diese zwar wieder, aber jetzt „verzieren“ fünf Kloschüsseln das Denkmal, das seit 1926 dem von Adolf Hitler verehrten Wiener Bürgermeister gedenkt.

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Tatiana Lecomte,
Anschluss


Fotografien, die noch vor dem „Anschluss“ Österreichs entstanden sind, bilden die Grundlage der Arbeit Anschluss von Tatiana Lecomte. Sie konzentriert sich dabei auf Fotografien rund um Linz: die Stadt also, in der der „Anschluss“ 1938 formell besiegelt wurde, und in dessen erweitertem Stadtgebiet später auch eines der Außenlager des KZ Mauthausen errichtet wurde. In ihrer Arbeit, in der sie Fotografien auf der einen Seite, und die dazugehörenden Bildunterschriften auf der anderen, präsentiert, sind nicht der Dokumentation der Verbrechen des Nationalsozialismus gewidmet. Ihr geht es um die Auseinandersetzung mit den Anfängen und um das Einordnen und Anordnen dieser vielfach beladenen und belasteten Bilder, die von ihrer Macht als Propagandawerkzeug, aber auch von Widerstand und vom Hinsehen und Wegsehen erzählen.

3_
Belinda Kazeem-Kamiński,
Unearthing. In Conversation

Sie werde von einer Reihe historischer Fotografien verfolgt, habe einen „kolonialen Flashback“, erfährt man zu Beginn des Films von Belinda Kazeem-Kamiński. Die Performerin betritt eine Bühne und setzt sich dort mit den Fotografien des österreichisch-tschechischen Missionars und Ethnologen Paul Joachim Schebesta (1887–1967) auseinander, der darauf seine „Vermessungen“ afrikanischer Völker festhielt. Das Publikum sieht die Bilder nur über die Schulter der Künstlerin, die diese Fotos bereits mit roten, gelben und blauen Feldern ediert und überarbeitet hat. Gleichzeitig spricht sie mit den Kolonisierten und adressiert ein Publikum, dem sie eine andere Sichtweise auf die Geschichte ermöglichen will. „Wie lässt sich durch Sehen Widerstand leisten?“, fragt die Künstlerin, „welche Möglichkeiten gibt es, die koloniale Geschichte(n) anders zu erzählen?“, also nicht nur aus der Sicht der weißen Kolonisierer.

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Maja Vukoje
3 Würfel
und 1 Kölner

Die Geschichte alltäglicher Lebensmittel wie Kaffee oder Zucker, aber auch die von Südfrüchten wie Mangos oder Avocados steht im Zentrum einer Reihe von Gemälden von Maja Vukoje. Die Malerin hat 2012 die Leinwand durch Jute ersetzt, genauer durch Transportjutesäcke, in denen Handelsprodukte wie Zucker transportiert werden. Mit dem Zuckerwürfel referiert sie zum einen auf den Werkzyklus Homage to the Square von Josef Albers (1888–1976) und seiner langjährigen theoretischen und praktischen Auseinandersetzung mit Farbe. Zum anderen lädt die Künstlerin das Bild mit dem Handelsprodukt Zucker mit einer sehr konkreten Geschichte auf. Schließlich ist die Zuckerproduktion eng mit der Entstehung des Kapitalismus verknüpft: mittlerweile ist etwa gut dokumentiert, dass die Gewinne aus Zuckerplantagen, die maßgeblich auf der Ausbeutung versklavter Afrikaner*innen basierten, Kapital zur Finanzierung der europäischen Industrialisierung geliefert haben.

Maja Vukoje führt in ihrer Arbeit die verschiedenen „Erben“ zusammen: Und zwar jenes der abstrakten Kunst und Malerei mit dem „industriellen Erbe“, in dem Fall der Zuckerproduktion, die bis heute in koloniale und neokoloniale Netze der Ausbeutung und Gewinnmaximierung verstrickt ist

5_
Anna Jermolaewa,

Leninopad

Durch den Angriff Russlands auf die Ukraine ist die Arbeit Leninopad von Anna Jermolaewa auf tragische Weise sehr aktuell. Sie umfasst eine Videoarbeit, Fotografien sowie eine Leninstatue (mit abgebrochenem Kopf), die sie in der Abstellkammer eines ukrainischen Rathauses gefunden hat. Nachdem das Land 2015 ein Gesetz zur Dekommunisierung (das heißt, die Entfernung von allem, was an die Sowjetunion oder den Kommunismus erinnert) auf den Weg gebracht hatte, bereiste Anna Jermolaewa das Land, um die Bevölkerung nach ihrer Meinung zum Denkmalsturz, Leninopad („listopad“, das Fallen der Blätter im Herbst), zu befragen. Die Antworten fielen verschieden aus: Einige begrüßten die Entfernung, andere hielten die sowjetische Vergangenheit für einen Teil ihrer Biografie.

„History is history. We can’t change it. You can puzzle it out. In hundreds of years everything will be different. … Facts are relative, depending on how someone understands them from his or her emotional and educational background.“ (Protagonistin in: Leninopad 2017). „Die Statue, in der man ein Gespenst der Vergangenheit sieht, mag beseitigt worden sein“, schreibt Christian Höller zu dem Film. Die Frage ist, mit welchen anderen, neuen Werten diese geschaffenen Leerstellen aufgefüllt werden.

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Hannes Zebedin,

Rezistenca

Der Bildhauer Hannes Zebedin befasst sich intensiv mit der Alpen-Adria-Region, in der er geboren und aufgewachsen ist und in der er zum Teil auch heute noch lebt. In seinen Arbeiten analysiert er die Auswirkungen geopolitischer Strukturen auf die Landschaft, darunter etwa die Tatsache, dass sich die Geschwindigkeit des Windes Bora im Vipava-Tal in Slowenien auch in der Architektur niederschlägt – so haben die Häuser keine Fenster gegen Norden. Außerdem ist die Gegend der Geburtsort der ersten Antifaschistischen Bewegung in Europa (TIGR), was sich mit der Slowenischen Partisanenbewegung im 2. Weltkrieg fortgesetzt hat. Die Installation Rezistenca greift beide Traditionen auf: Die Handwerkstradition dieser Gegend, die auf die Spitzengeschwindigkeiten des Windes Bora reagieren musste, und auf die politische Tradition des Widerstands.

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Toni Schmale,
The good enough Mother

Sigmund Freuds Psychoanalyse ist Teil des immateriellen Erbes der Menschheit. Die Bildhauerin Toni Schmale hat sich mit dem Psychoanalytiker Donald Winnicott und seinen Theorien zum Übergangsobjekt beschäftigt. Danach überträgt ein Kleinkind, das sich von seiner Mutter abnabelt, seine Bedürfnisse auf ein Übergangsobjekt. In ihrer Arbeit hinterfragt die Künstlerin nicht nur soziale Machtverhältnisse und die in unserer Gesellschaft bestehenden stereotypen Geschlechter -zuschreibungen, sie eröffnet mit ihren „Übergangsobjekten“ auch ein Spielfeld des Begehrens.

Die Skulptur ist für uns ein Beispiel für die Entstehung „nie dagewesener Ideen und Formen“: Sie changiert zwischen Fitnessgerät und SM-Spielzeug und deutet die Benutzbarkeit durch einen Körper an. Gleichzeitig verschließt sie sich der eindeutigen Einordnung und dem Wiedererkennen, wodurch sie Raum für neue Assoziationen schafft.

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Ricarda Denzer,
Reflections on a Star-Shaped Masque

„Dieses ovale Objekt zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Die Regel-mäßigkeit der Form, die Perfektion der glänzenden Messingstruktur des Sterns auf den bunten, weich wirkenden Engelsfedern evoziert ein futuristisches Bild“, schreibt Ricarda Denzer über das Objekt, das sie in der Hagia Sophia in Istanbul entdeckte. Als die byzantinische Kirche in eine Moschee umgewandelt wurde, wurden die Gesichter der christlichen Seraphim-Engel in Übereinstimmung mit dem muslimischen Glauben, der gegenständliche religiöse Darstellungen nicht erlaubt, durch eine Maske aus Messing mit Sternprägung bedeckt. Für die Ausstellung Was uns wichtig ist! ist das Objekt insofern zentral, als dass es auf das laufende, seit Jahrhunderten stattfindende Um- und Überschreiben des kulturellen Erbes (in dem Fall ein Ornament in der Hagia Sophia, das christliche Ikonografie überdeckt) verweist.Ausgehend von diesem Objekt wird in einem begleitenden Hörstück Denzers künstlerische Praxis einer „akustischen Suchbewegung“ erfahrbar gemacht, in der sie nicht von einem vorgefertigten Thema ausgeht, sondern durch Montage Ideen, Formen und Möglichkeiten schafft, die hierdurch zu hören sind: „…Von den Eisen- und Ockerbergwerken unter dem Forest of Dean an der walisischen Grenze gehe ich zur Kuppel der Hagia Sophia in Istanbul, zu den Chören der Seraphim-Engel, die mit ihren sechs Flügeln um das Firmament zu Gott fliegen, brennend und heilig, heilig, heilig singend.“

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Sara-Lisa, Bals,
Cumernustag


Brauchtum ist Kulturerbe und Kulturerbe drückt sich in den Werten einer Gesellschaft aus. Wenn es also keinen Brauch, keinen Feiertag zu Ehren einer Frau gibt, die mit Willenskraft und Magie für ihren Anspruch auf ihre eigene Sexualität und ihren freien Willen eintrat, so ist es mehr als angeraten, einen solchen zu initiieren, damit dieser hinein in die Gegenwart wirkt.

„Der fiktive Cumernustag bezieht sich auf die Sage der heiligen Kümmernis und wird im Feiertagsbrauchtum des Bregenzerwaldes verortet. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Entwicklung und Belebung des Festgewands der Bregenzerwälderinnen, der Juppe. Das Festgewand für den Cumernustag, welches die Performerinnen tragen, bewegt sich an der Schnittstelle von Kostüm und Tracht. Die Juppe wird abgewandelt und durch einen Schmuckbart erweitert. Das Cumernus-Festgewand birgt nicht nur Tabubrüche in sich, der Gestaltswandel bringt auch das Potenzial von Freiheit durch die Stärkung einer Haltung mit sich, die das Kostüm vertritt. Eine Haltung, die die Selbstbestimmtheit von Frauen vertritt.“ (Sara-Lisa Bals)

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Margarita Rozhkova,

the head

Die Geschichte der Lustenauer Textil- und Stickerei-Industrie ist seit den 1960er- ahren eng mit den Abnehmer*innen in Nigeria verknüpft. Im Zuge der Aufarbeitung der wechselvollen, teils wüsten Geschichte wurden die Textilkünstlerin Margarita Rozhkova und die Kulturwissenschaftlerin Anne Zühlke für ein sechswöchiges Arbeitsstipendium ausgewählt, das von Lustenauer Institutionen zu diesem Zweck vergeben wird (u.a. DOK 20 und S-MAK, das sich der Geschichte der Neupräsentation der Vorarlberger Stickerei widmet).

Die Objektskulptur the head ist im Rahmen dieser Recherchen entstanden und setzt beim Begriff „African Lace“ an: Sie zeigt die Verbindung zwischen der „afrikanischen Spitze“, die ja gar nicht in Afrika hergestellt wurde, und der Bregenzerwälder Frauentracht auf: Die Radhaube ist dort ein traditioneller Bestandteil eines Trachtenkopfstücks.

Mit dem bestickten Kopf selbst bezieht sich die Künstlerin auf die Bronzeköpfe von Ife (dem kulturellen und kommerziellen Zentrum der Yoruba), der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Nigeria ausgegraben wurde und sich bis heute im British Museum in London befindet. Die Restitution an die Nachkommen der Schöpfer*innen steht noch aus.

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Nilbar Güreş,
Yol Ayrimi TrabZone Serisi’nden / Junction

Die Auseinandersetzung mit tradierten Geschlechterrollen sowie die Suche nach Identitäten jenseits des binären Denkens spielt in der Arbeit von Nilbar Güreş eine zentrale Rolle. Sie arbeitet mit den unterschiedlichsten Medien, wobei ein performatives Element für alle ihre Arbeiten charakteristisch ist. Die Fotografien aus der Serie TrabZONE (2010) wurden in einem traditionell geprägten Teil der Türkei aufgenommen, wo Güreş die Frauen ihrer Familie jenseits traditionell-patriarchaler als auch westlicher Klischeevorstellungen inszenierte. Sie klettern mit ihren weiten langen Kleidern auf Bäume, erklimmen Heuhaufen oder werden mit der aufgehängten Wäsche im Garten eins. Auf sehr humorvolle und doch kritische Weise thematisiert Güreş so die Sicht- bzw. Unsichtbarkeit der Frauen. Die vorliegende Fotografie zeigt zwei Frauen, die gemeinsam ein Kopftuch tragen und ihr „Kulturerbe“ in fast slapstickhafter Manier in zwei unterschiedliche Richtungen ziehen.

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Andrés Ramírez Gaviria,
History’s Carousel

Der Künstler beschäftigt sich mit der Geschichte des Kodak Diaprojektor-Karussells, einer Art Zeitmaschine. Zumindest hat Don Draper in der Serie Mad Men das Karussell als eine solche zu verkaufen versucht. Eigentlich vom italienisch-amerikanischen Erfinder Louis Misuraca konstruiert, hat Kodak das Gerät 1962 auf den Markt gebracht. Misuraca wurde mit einer einmaligen Summe abgespeist, mit der er mit seiner Familie nach Italien in den Urlaub fuhr. Perspektiven, Präsentationsformen oder auch technische Geräte und Vorführapparaturen prägen unsere Sicht der Welt und verändern die Wahrnehmung für immer. Auch eine Aussicht kann Kulturerbe sein, wie etwa die Debatte um den Canaletto-Blick in Wien bewiesen hat. Durch die Störung der Sicht auf die Wiener Innenstadt vom Oberen Belvedere durch ein geplantes Hochhaus am Heumarkt wäre der Weltkulturerbestatus Wiens bedroht gewesen. Gavirias Arbeit erinnert aber auch an gemeinsames Urlaubsbilderschauen oder Diavorträge, wie sie in Schulen und Museen lange Zeit üblich waren.

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Aglaia Konrad,
Il Cretto

In ihrem Video Il Cretto dokumentiert Aglaia Konrad ein künstlerisches Projekt von Alberto Burri, der in der Stadt Gibellina, Sizilien, ein Denkmal für die Erdbebenopfer von 1968 baute. Nach etwa zwanzig Jahren gab Ludovico Corrao, Bürgermeister von Gibellina in den 1970er Jahren, dem Wiederaufbau von Gibellina und dem gesamten Gebiet von Belice einen starken Impuls. Er lud bedeutende italienische Architekt*innen und Künstler*innen ein, um für das neue Gibellina Kunstwerke zu schaffen, das etwa 15 Kilometer entfernt von den Ruinen neu aufgebaut wurde. Alberto Burri war am neuen Gibellina nicht interessiert, sondern wollte sehen, was vom alten Gibellina übrig war. Erst dort, in den Ruinen der alten Stadt, die ihn offenbar zutiefst bewegten, beschloss er, dass dies der Ort war, an dem er seinen künstlerischen Beitrag leisten würde. So entwarf er Il Cretto, eines der größten und eindrucksvollsten Landschaftskunstwerke der Welt.

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Vasilena Gankovska,

Moscow Cinema Project

Vasilena Gankovska hat sich während eines Stipendiumaufenthaltes in Moskau mit den Kinos befasst, die man ab den 1930er Jahren bis in die 1980er Jahre in den Randbezirken von Moskau errichtete. Es ging um kulturelle und soziale Beteiligung und natürlich die Verbreitung von Propaganda. Die Kinos hießen Kirgizia, Volgograd, Talinn, Orbita, Patriot, Prag oder Budapest und umspannten damit das gesamte sowjetische Imperium bis in den Weltraum. Nach Simon Mraz, Leiter des österreichischen Kulturforums in Moskau von 2009 bis 2021, bilden sie ein einzigartiges architektonisches Ensemble, das vom Konstruktivismus, wie beim Kino Rodina (dt. Mutterland), bis hin zu Beispielen der Moderne reicht: „Eine Reise durch die Moskauer Kinos gleicht einer Reise durch die sowjetische Architektur“, so Mraz im Katalog zu dem Projekt. Heute ist der überwiegende Teil der Kinos verkauft und zu Shopping Malls umfunktioniert. Nur einige werden von jungen Initiativen als Programmkinos geführt.

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Gregor Eldarb,
Dünner als zwei Zehntausendstel eines Millimeters, Sound Florian Schmeiser

Das Video Dünner als zwei Zehntausendstel eines Millimeters von Gregor Eldarb ist von dem deutschen Architekten Frei Otto inspiriert. Er zählt neben Richard Buckminster Fuller zu den wichtigsten Vertretern einer biomorphen Architektur, einer intelligenten, leichten und nachhaltigen Form des Bauens, die ihre Gestaltungs- und Konstruktionsformen der Natur entlehnt. Ein Mittel zur Erforschung statischer Besonderheiten in der Natur waren für Frei Otto Seifenblasen, die auch die Grundlage der Versuchsanordnung von Gregor Eldarb sind.

In seinem Video experimentiert er mit diesem architektonischen Erbe, das Frei Otto der Nachwelt auch ganz dezidiert zur „lizenzfreien“ Weiterverwendung, heute würde man sagen als „schöpferisches Gemeingut“ (Creative Commons), übergeben hat: „Frei Otto hat seine Erfindungen nicht patentieren lassen, sondern allen geschenkt, damit spätere Konstrukteure davon profitieren können. Er war ein großer Humanist.“ (Kristin Freireiss)

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Carola Dertnig,
Sans titre

Carola Dertnig nimmt die Kleider ihrer verstorbenen Mutter zum Anlass, um über die Mode der späten 1960er Jahre, das Bohèmeleben im Wien dieser Zeit oder den Look des Feminismus zu reflektieren: „Ma Mère“, schreibt die Künstlerin, wollte nur Feministin sein, wenn sie – so wie die Feministinnen in Italien – roten Lippenstift tragen konnte. Sie war Besitzerin des Wiener Künstler*innenclubs VANILLA und ihre Mode kam trotz Geldknappheit direkt aus Paris. Für die Fotoserie Sans titre hat die Künstlerin die geerbte Garderobe ihrer Mutter abfotografiert. Ihre Schuhe, Hüte, Kleider, Röcke, Schmuck, Jacken und Abendkleider erzählen von einem sehr selbstbestimmten Frauenleben: „Für Ma Mère war jede Revolution zwingend mit modischem Ausdruck verbunden“, schreibt Dertnig. „Kleider machen Leute. Sie zeigen, wer wir sind, wie wir denken, wo wir uns in der Gesellschaft positionieren wollen.“

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Susanne Schuda,
Einfach sterben. Sterben ist das Letzte

In ihrem Fanzine befasst sich die Künstlerin mit dem Thema „Erben/Hinterlassen“ und wirft in Text- und Bildcollagen relevante Fragen in Zusammenhang mit dem Erben auf: Was bedeutet Erben und Vererben in gesamtgesellschaftlichen Verteilungsfragen? Wie würde sich unsere Gesellschaft ändern, wenn Besitz nicht innerhalb von Familien weitervererbt würde, sondern in die Gemeinschaft überginge? Würde das die Motivation etwas aufzubauen verringern? Was sind die (sozial)psychologischen Gründe für die Ablehnung einer Erbschaftssteuer, selbst von Menschen, die davon nicht betroffen wären?

Aber auch: Welchen emotionalen Wert können Gegenstände haben? Wie verändern sich diese Emotionen im Laufe der Zeit, in der ein Menschenleben kürzer ist als zum Beispiel die Lebenszeit von einem Gebäude? Wie steht es um die subjektive Bedeutung und Bewertung von Gegenständen in einer Überflussgesellschaft? Was bedeutet dieser Überfluss global und was wird die Klimakrise an Verlusten bringen?

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WIENER TIMES  (Susanne Schneider und Johannes Schweiger), 
A Two-Person Rope Team Is the Least Favourable / B, 2022

Susanne Schneider und Johannes Schweiger haben für die Ausstellung Was uns wichtig ist! die Textilmustersammlung von Franz M. Rhomberg durchforstet, die das Stadtmuseum Dornbirn vor dem Verkauf ins Ausland gerettet hat. Das 1832 als Färberei gegründete Unternehmen zählte zu den bedeutendsten Textilbetrieben, die die Stadt Dornbirn nachhaltig prägten: ihre Politik, die Architektur, aber auch Tagesabläufe und nicht zuletzt den Modegeschmack der Bewohner*innen, von denen ein Großteil in dem arbeitsintensiven Textilunternehmen gearbeitet hat. 1989 wurde die Textilmustersammlung als „richtungsweisende Verbindung von Textilkultur und Industrie in Form eines Designarchivs neu organisiert“. 1993 sollte die wertvolle Sammlung nach dem Konkurs der Firma zunächst veräußert werden. Dem Stadtmuseum Dornbirn ist es jedoch gelungen, dieses „eindrucksvolle Zeugnis der Vorarlberger Textilgeschichte“ als textiles Erbe im Ganzen zu bewahren. In einer Installation, die zeitgleich im Stadtmuseum Dornbirn zu sehen ist, holen WIENER TIMES eine Auswahl der historischen „Schätze“ wieder hervor: Darunter sind Tischdeckenmuster, wie im Vorarlberg Museum ausgestellt, und besonders eindrucksvolle Fundstücke, die das Duo in Form einer installativ aufbereiteten Stoffmuster-Collage im Stadtmuseum Dornbirn zeigt.

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Viktoria Tremmel,
“Come again a bit, Freddy”, 18.
Nov. 1819

Anne Lister (1791–1840) gehört nicht zu den bekanntesten englischen Autorinnen. Das liegt in ihrem Fall nicht nur am Geschlecht, sondern auch daran, dass sie in ihren Tagebüchern neben alltäglichen Aspekten (etwa ihren finanziellen Sorgen), auch ihre erotischen Begegnungen mit Frauen freimütig und in expliziten Beschreibungen festhielt. Ihre Biografin Angela Steidele konstatiert: „Wäre sie ein Mann gewesen, müsste man sie Frauenheld nennen, Schwerenöter oder Heiratsschwindler, Lüstling, Wüstling oder einfach nur Schuft.“ Derartige Zuschreibungen machen deutlich, dass Sexualität auch heute noch Normen und Idealen folgt, über die sich Anne Lister selbstbewusst hinwegsetzte, und dies in einer Gesellschaft am Beginn des 19. Jahrhunderts, die für lesbische Frauen keinen Platz vorsah. Sie lebte ihr Leben in Beziehungen mit Frauen. In ihren Tagebüchern hat sie sich ihren eigenen Raum geschaffen und für ihre Sexualität und ihr Begehren eine sehr deutliche Sprache gefunden, die heute ein wichtiger Teil der Gay History ist.

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Muhammet Ali Baş,
Ich schlafe an der Tastatur nicht ein, noch kenne ich die Sprache


In seiner Videoarbeit setzt sich Muhammet Ali Baş künstlerisch forschend mit den Gedichten des türkischen Autors Kundeyt Şurdum (1937–2016), der in Vorarlberg gelebt hat, auseinander. Der Künstler geht der Frage nach, wie die Poetik eines Autors, der im Nebel am Bodensee und im Nebel von Istanbul nach neu entstehenden Welten gesucht hat, in Bildern ausgedrückt werden kann. Der Künstler experimentiert mit Bild, Schnitt und Sprache und möchte einen fiktiven Ort der Überlagerungen entstehen lassen.
Der Titel ist angelehnt an die Gedichtzeile Ich schlafe an der Maschine nicht ein, noch kenne ich den Galopp von Kundeyt Şurdum und hinterfragt Begrifflichkeiten der sogenannten Migrations- und Migrantenliteratur, in der oft das lyrische Ich oder der/die Erzähler*in mit dem/der Autor*in gleichgesetzt wird. Wie kann ein/e Autor*in schreiben, wenn eine stete Markierung seiner/ihrer Position passiert? Wo kann sich ein/e Autor*in positionieren, um Themen zu behandeln anstatt Identitäten?

Die Arbeit zeigt auf, wie wichtig das Kulturerbe der Migrationsgesellschaft, also die Weitergabe von Wissen und Lebenserfahrungen, ist, um überhaupt erst diese wichtigen Fragen nach Ausdrucksmöglichkeiten jenseits identitärer Stereotypisierungen stellen zu können.

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„Die Erde selbst ist bekanntlich ein Trümmerhaufen vergangener Zukunft, und die Menschheit die bunt zusammengewürfelte, sich streitende Erbengemeinschaft einer numinosen Vorzeit, die fortwährend angeeignet und umgestaltet, verworfen und zerstört, ignoriert und verdrängt werden muss, sodass entgegen landläufigen Annahmen nicht die Zukunft, sondern die Vergangenheit den wahren Möglichkeitsraum darstellt.“
Judith Schalansky, Directory of some losses, Frankfurt am Main, 201

Ob Kunstwerke, Architektur, Brauchtum oder Handwerk – eine Gesellschaft definiert sich nicht zuletzt über ihre kulturelle Vergangenheit. Die Meinungen jedoch, was heute zum Kulturerbe zu zählen ist, gehen weit auseinander und sorgen für Kontroversen, wenn man beispielsweise an die Denkmaldebatte rund um die Karl Lueger-Statue denkt. Das Kulturerbe ist nicht mehr von der Tradition vorgegeben, es muss immer neu ausgehandelt werden, will es möglichst inklusiv und damit identitätsstiftend sein.

Einen Beitrag zu dieser Debatte liefern zahlreiche Künstler*innen in der Ausstellung Was uns wichtig ist!

Das Kulturerbe hatte im 19. Jahrhundert eine immense politische und kulturelle Bedeutung. Das Vorarlberger Landesmuseum und das Volkskundemuseum Wien wurden in dieser Zeit gegründet, um das zu bewahren, was die Gesellschaft als wichtig erachtet hat. Wir wollen die Ausstellung in diesem historischen Kontext verorten und haben deswegen alte Ausstellungsansichten der beiden Ausstellungshäuser als Ausgangspunkt für die szenografische Gestaltung gewählt.

Wie wir nicht nur durch die Debatte um den sogenannten Canaletto-Blick in Wien wissen, er gilt ja als maßgeblich für den Weltkulturerbestatus der Stadt, können auch eine Sichtachse, bestimmte Präsentationsformen oder auch technische Hilfsmittel Sehgewohnheiten prägen und sie dadurch zum immateriellen Kulturerbe machen.

In der Szenografie greifen wir ursprüngliche Elemente der Ausstellungsgestaltung des 19. Jahrhunderts auf. Auf Basis dieser historischen Konzepte entwickeln die zeitgenössischen Kunstwerke ihre Wirkung – im Sinne von Isaac Newton, der 1675 an einen Kollegen schrieb: „If I have seen further, it is by standing on the shoulders of Giants.“ (Wenn ich weitergesehen habe, dann, weil ich auf den Schultern von Riesen stand).
* Christa Benzer, Sabine Benzer und Gregor Eldarb

 

IMPRESSUM


Redaktion:
Sabine Benzer, Christa Benzer


Vielen Dank an Marie-Rose Rodewald-Cerha für die Übersetzungen und Elisabeth Nelson und Eva Fichtner-Rudigier für Gegenlesen und Korrekturen und Kathrin Dünser für die kuratorischen Ideen und Vorschläge.

 

WIENER TIMES auch im Stadtmuseum Dornbirn:
Ein Teil der Arbeit von WIENER TIMES (Position 18) ist auch im Stadtmuseum Dornbirn zu sehen.
www.stadtmuseum.dornbirn.